Ideologische Durchdringung der NS-Gesellschaft
Das Tagungsprogramm nahm Strukturen und Mechanismen in den Blick, welche die NS-Gesellschaft konstituierten und die nationalsozialistischen Verbrechen ermöglichten und legimitierten. Die Herrschaft der Nationalsozialisten beruhte auf einer umfassenden ideologischen Durchdringung und Mobilisierung der Gesellschaft unter dem Banner einer „Volksgemeinschaft“, verbunden mit dem gewaltsamen Ausschluss aller nicht zur imaginierten Gemeinschaft zählenden Gruppen. Die Ausrichtung der deutschen Gesellschaft in diesem Sinne war ein stets unabgeschlossener und nie unwidersprochener Prozess, eine Art Gouvernementalität, welche die meisten Deutschen auf die eine oder andere Weise reproduzierten und so an der Realisierung der „Volksgemeinschaft“ mitwirkten.
Produktion und Inszenierung von „Volksgemeinschaft“
Ausgehend von der wissenschaftlichen Debatte der letzten Jahrzehnte um den Begriff „Volksgemeinschaft“ beleuchteten überwiegend jüngere Forscher*innen in ihren Vorträgen verschiedenste Bereiche, in denen die Produktion von „Volksgemeinschaft“ stattfand. Dabei ging es um Mädchentagebücher und private Fotoalben der 1930er und 40er Jahre, um teils bis heute überdauernde baukünstlerische Objekte, um Sportverbände, um die Ghettoisierung sogenannter „Asozialer“ in getrennten Siedlungen oder deren Inhaftierung in Lagern, aber auch um Schülergutachten von Lehrkräften in Sonderschulen.
Die Nähe des Tagungsortes zum Dokumentations- und Lernort Bückeberg erwies sich als hilfreich für die Rückbindung der wissenschaftlichen Vorträge an die heutige erinnerungskulturelle Praxis. An diesem Ort fanden während der 1930er Jahre mit den sog. Reichserntedankfesten einige der größten propagandistischen Massenveranstaltungen statt, mittels derer die „Volksgemeinschaft“ medial inszeniert wurde.
Exkursionen und Workshops
Exkursionen zum Gelände des Bückebergs und ins Museum im Schloss in Bad Pyrmont, wo eine Ausstellung die Geschichte der Kurstadt im Nationalsozialismus beleuchtet, gehörten trotz drückender Hitze zu den Highlights der Tagung. Darüber hinaus illustrierten eine Reihe von Workshops anhand praktischer Beispiele die Nutzbarkeit des Konzepts einer „Volksgemeinschaft“ in der historisch-politischen Bildung. Darin ging es etwa um schulischen Heimatkundeunterricht, um die Arbeit mit der Osnabrücker Gestapodatei, die Geschichtsvermittlung an Täterorten wie der Wewelsburg oder der ehemaligen Bauernschule in Goslar, aber auch um die Vermittlung der Geschichte der Segelflugschule Ith am heutigen BAFzA Bildungszentrum und der Hannoverschen Stadtgesellschaft in der Zeit des Nationalsozialismus am ZeitZentrum Hannover. Eine abschließende Podiumsdiskussion nahm erneut die Frage nach Chancen und Grenzen des Konzeptes Volksgemeinschaft in der historisch-politischen Bildung in den Blick und beendete die Tagung mit zahlreichen Anregungen zum Weiterdenken.
Für einen weiterführenden Bericht zur Tagung, siehe auch: Christoph Rass (24. Juni 2026). Produktion von ›Volksgemeinschaft‹. Notizen zu einer Tagung in Hameln.
