Über die Erinnerungslandschaft in Niedersachsen
Die Entstehungsgeschichte der zahlreichen Orte, Vereine und Initiativen spiegelt den wechselhaften Umgang der westdeutschen Nachkriegsgesellschaft mit der Erinnerung an den Nationalsozialismus und seine Opfer wider.
Über Jahrzehnte hinweg blieb es bei offiziellen und symbolischen Akten des Gedenkens, zu denen sich politische und kirchliche Repräsentant*innen sowie Abordnungen der Opferverbände alljährlich an zentralen Mahnmalen wie der Inschriftenwand der Gedenkstätte Bergen-Belsen versammelten.
In den 1970er Jahren entwickelte sich eine Geschichtsbewegung „von unten“ – meist gegen hinhaltende Widerstände aus Politik und Gesellschaft. Regionalgeschichtliche Forschungen und entstehende regionale Gedenkorte verdeutlichten die Totalität des NS-Terrors und die Tatsache, dass die Verbrechen auch in der unmittelbaren Nachbarschaft begangen worden waren. In den Blick gerieten dabei auch zuvor kaum beachtete Opfergruppen wie Sinti* und Roma*, Homosexuelle, Zeug*innen Jehovas, Patient*innen von Heil- und Pflegeanstalten, Deserteure, Kriegsgefangene und zivile Zwangsarbeiter*innen.
Viele der heute etablierten niedersächsischen Gedenkstätten, Dokumentations- und Lernorte entstanden aus diesem bürgerschaftlichen Engagement, und lokale Initiativen und Vereine haben weiterhin einen maßgeblichen Anteil an der lebendigen Erinnerungskultur in Niedersachsen.
Auch die zahlreichen Grabstätten von Opfern des NS-Regimes in Niedersachsen werden zunehmend nicht allein als Orte des Gedenkens begriffen, sondern ebenso als Lernorte: Ihre Geschichte wird erforscht, die Namen und Schicksale der oft anonym Bestatteten werden recherchiert.
Schauplätze der NS-Diktatur
Die Wirkungsweise des Nationalsozialismus lässt sich nicht verstehen, wenn nur die Orte des Terrors betrachtet werden. Längst sind daher auch andere Schauplätze der NS-Diktatur in den Fokus gerückt: Lernorte an historischen Stätten der Selbstinszenierung des NS-Regimes wie dem Bückeberg bei Hameln als Ort der „Reichserntedankfeste“ vermitteln ein historisch-kritisches Verständnis von Vergemeinschaftungsprozessen im nationalsozialistischen Deutschland: Durch eine ebenso propagandistische wie gewaltförmige Einbindung aller Gesellschaftsgruppen, die „Gleichschaltung“ sämtlicher Medien sowie andere politische und wirtschaftliche Maßnahmen wollte das NS-Regime die reaktionäre Utopie einer "Volksgemeinschaft" mit Leben füllen. Diese Maßnahmen wurden kombiniert mit einer sich stetig radikalisierenden Ausgrenzung aller nicht zur imaginierten „Volksgemeinschaft“ gehörenden Menschen.
Die Auseinandersetzung mit den Verbrechen des Nationalsozialismus, mit dahinterliegenden Ideologien gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit sowie mit den Mechanismen der Einbindung und Kooptierung eines Großteils der deutschen Bevölkerung in das nationalsozialistische System schafft ein Bewusstsein für die Gefahren populistischer Narrative und autoritärer Strukturen – und bietet Ansätze für die Stärkung demokratischer Werte heute.
Weiterführende Informationen
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