• Dachzeile Geschichte

Kriegsgefangenenlager

Blick vom Wachturm auf das Vorlager im Kriegsgefangenenlager Wietzendorf, Winter 1941/42
Blick vom Wachturm auf das Vorlager im Kriegsgefangenenlager Wietzendorf, Winter 1941/42 © SnG

Die Kriegsgefangenenlager in Nordwestdeutschland waren Teil eines Systems von Hunderten von Lagern, das die Wehrmacht während des Zweiten Weltkrieges in Deutschland und den besetzten Gebieten aufbaute.

Wehrmacht und Kriegsgefangene

Zwischen dem Überfall auf Polen am 1. September 1939 und der bedingungslosen Kapitulation am 8. Mai 1945 wurden rund 10 Millionen gegnerische Soldaten von deutschen Truppen gefangen genommen.

Französische Kriegsgefangene auf dem Weg in das Stalag XI B Fallingbostel, 1940
Französische Kriegsgefangene auf dem Weg in das Stalag XI B Fallingbostel, 1940 © SnG/Dokumentationsstelle Celle, Sammlung Braack/Spiegel

Die weitaus größte Gruppe stellten die sowjetischen Kriegsgefangenen, gefolgt von französischen Kriegsgefangenen, italienischen Militärinternierten und polnischen Gefangenen.

Die Richtlinien zur Behandlung der Gefangenen wurden vom Oberkommando der Wehrmacht (OKW) auf der Grundlage des geltenden Kriegsvölkerrechts erlassen. Das bestand im Zweiten Weltkrieg aus internationalen Vereinbarungen, die die Rechte und die Behandlung der Kriegsgefangenen festlegten. Die wichtigsten Verträge waren die Haager Landkriegsordnung von 1907 sowie die Genfer Konvention von 1929.

Das Genfer Abkommen regelte unter anderem die Prinzipien der Behandlung, Unterbringung und Ernährung der Gefangenen. Das Deutsche Reich ratifizierte die Vereinbarungen am 21. Februar 1934, die durch die Veröffentlichung im Reichsgesetzblatt rechtskräftig wurden.

System der Kriegsgefangenenlager

Zuständige Einrichtung für die Versorgung der Kriegsgefangenen in deutschem Gewahrsam und die Organisation des Lagersystems war die Abteilung Kriegsgefangenenwesen im Oberkommando der Wehrmacht (OKW).

Nach ihrer Gefangennahme wurden die gegnerischen Soldaten von den Sammelstellen zunächst in Durchgangslager („Dulags“) hinter der Front überführt. Anschließend wurden sie getrennt nach Dienstrang in Offizierslagern („Oflags“) oder Mannschafts-Stammlagern für Mannschaftsdienstgrade und Unteroffiziere („Stalags“) in Deutschland, später auch in den besetzten Gebieten untergebracht.

Das Gebiet des Deutschen Reiches war in „Wehrkreise“ eingeteilt, die mit römischen Ziffern bezeichnet wurden, z. B. Wehrkreis XI Hannover. Die Kriegsgefangenenlager wurden mit der Nummer des Wehrkreises und einem Großbuchstaben gekennzeichnet, z.B. „Oflag XI A“ Osterode oder „Stalag XI B“ Fallingbostel. Die Lager für sowjetische Kriegsgefangene erhielten eine zusätzliche Nummer, z.B. „Stalag XI C“ (311) Bergen-Belsen.

Die Stalags waren für die Organisation und Verwaltung des Arbeitseinsatzes zuständig. Die Gefangenen wurden von hier aus auf Arbeitskommandos verteilt, die organisatorisch jeweils dem entsprechenden Stammlager zugeordnet waren. Die Vermittlung der Gefangenen an die Arbeitgeber erfolgte über die Arbeitsämter, die zu diesem Zweck Außenstellen in den Stalags einrichteten.
 

Mannschaftsstammlager auf dem Gebiet des heutigen Landes Niedersachsen

  • Die Lager Bathorn und Neu Versen wurden 1938 für Strafgefangene der Justizverwaltung eingerichtet. Gleich nach Kriegsbeginn übernahm die Wehrmacht diese und weitere sieben Lager im Emsland. Hier waren Kriegsgefangene verschiedener Nationalitäten untergebracht.

    Dem Stalag VI C Bathorn waren die Zweiglager Groß Hesepe, Dalum Wietmarschen und Alexisdorf unterstellt, dem Stalag VI B Neu Versen die Zweiglager Oberlangen, Wesuwe und Fullen. Nachdem das Stalag VI B Neu Versen im Mai 1942 aufgelöst wurde, übernahm VI C Bathorn das Lager inklusive der Zweiglager.

    Die Toten der Lager wurden auf den Friedhöfen Oberlangen, Wesuwe, Groß-Fullen, Dalum, Wietmarschen/Füchtenfeld und Alexisdorf (Neugnadenfeld) bestattet.

  • Das Stalag X B Sandbostel wurde 1939 zur Aufnahme polnischer Kriegsgefangener eingerichtet. Bis Kriegsende durchliefen Kriegsgefangene vieler verschiedener Nationalitäten das Lager.

    Ab Ende Oktober 1941 fungierte es – zur Entlastung des „Russenlagers“ Wietzendorf – auch als Aufnahme- und Verteilerlager für sowjetische Kriegsgefangene. Gleichzeitig wurde dem Lager wieder ein eigener Arbeitseinsatzbezirk zugewiesen. Etwa 3.000 sowjetische Kriegsgefangene starben in Sandbostel bereits im Winter 1941/42. Die genaue Zahl der Toten bis Kriegsende (mindestens 8000) ist bisher noch unbekannt.

    Im April 1945 deportierte die SS etwa 9500 Häftlinge aus dem Hauptlager und einigen Außenlagern des KZ Neuengamme nach Sandbostel. Etwa 3000 von ihnen starben an Seuchen, an Erschöpfung oder durch Gewalttaten der Wachmannschaften.

    Das Lager wurde am 29. April 1945 durch die britische Armee befreit.

  • Das Stalag X C Nienburg wurde 1940 eingerichtet und bestand bis Kriegsende. Es war als sogenanntes Schattenlager nicht zur Aufnahme von Kriegsgefangenen bestimmt, sondern lediglich für die Verwaltung von Kriegsgefangenen im Arbeitseinsatz zuständig. Das Stalag X C war zwischen 1940 und 1945 für bis bis zu 45.000 Kriegsgefangene verschiedener Nationalitäten im Weser-Ems-Gebiet und Bremen verantwortlich.

  • Das Kriegsgefangenen-Mannschafts-Stammlager X D (310) in Wietzendorf war eines von insgesamt zwölf Lagern, die im Sommer 1941 im Deutschen Reich eigens für sowjetische Kriegsgefangene eingerichtet wurden. Wietzendorf war zeitweise das größte Lager für sowjetische Kriegsgefangene in Deutschland.

    Zwischen Juli 1941 und März 1942 starben im Lager Wietzendorf etwa 14 300 sowjetische Kriegsgefangene an Unterernährung und Erschöpfung. Im Juli 1942 wurde Wietzendorf vom Stalag X B Sandbostel als Zweiglager übernommen. Es diente nun vor allem als Lazarett für sowjetische Kriegsgefangene. Ab Herbst 1943 kamen zehntausende kriegsgefangene italienische Soldaten nach Wietzendorf. Sie wurden hier registriert und zumeist umgehend in Arbeitskommandos in den Wehrkreisen X und XI weitergeleitet.

    Ab 1944 wurde Wietzendorf als Oflag 83 zur Unterbringung italienischer Offiziere genutzt. Es war bis zur Befreiung im April 1945 das größte Offizierslager für italienische Militärinternierte im Deutschen Reich. Im Februar 1945 verlegte die Wehrmacht 3000 französische Offiziere aus Arnswalde, Sandbostel und Nienburg nach Wietzendorf.

    In Wietzendorf starben zwischen August 1941 und April 1945 mindestens 16 000 sowjetische Kriegsgefangene sowie 30 italienische Militärinternierte und ein französischer Kriegsgefangener.

  • Das Stalag XI B Fallingbostel bestand während der gesamten Kriegsdauer von 1939 bis 1945. Es war eines der größten Lager der Wehrmacht mit zeitweise 95 000 Gefangenen verschiedener Nationalitäten. Die meisten von ihnen waren auf mehr als 2000 Arbeitskommandos im Gebiet des Wehrkreises XI verteilt. Außerdem verfügte das Stalag XI B über ein Lazarett mit 800 Betten. 1942/43 wurden die (bis dahin eigenständigen) Kriegsgefangenenlager Bergen-Belsen und Oerbke dem Stalag XI B Fallingbostel als Zweiglager angegliedert.

    Das Stalag XI B Fallingbostel wurde am 16. April durch britische Truppen befreit.

    In Fallingbostel starben 132 französische, 81 jugoslawische, 35 belgische, 28 britische, 28 US-amerikanische, 25 polnische und 20 slowakische Kriegsgefangene sowie je ein kanadischer, südafrikanischer und niederländischer Soldat. Die Zahl der verstorbenen sowjetischen Kriegsgefangenen ist nicht bekannt.

  • Das Kriegsgefangenen-Mannschafts-Stammlager XI C (311) Bergen-Belsen war eines von insgesamt zwölf Lagern, die im Sommer 1941 im Deutschen Reich eigens für sowjetische Kriegsgefangene eingerichtet wurden. Dem Lager war ein Lazarett für sowjetische Kriegsgefangene mit zunächst 700, später 1.200 Betten angeschlossen.

    Aufgrund der unzureichenden Verpflegung der Gefangenen kam es im Lager Bergen-Belsen zu Unterernährung und Mangelkrankheiten und aufgrund der katastrophalen sanitären Bedingungen brachen Seuchen aus. Bis Ende März 1942 starben 14.000 sowjetische Kriegsgefangene. Im Juni 1943 wurde das Stalag XI C (311) aufgelöst. Das Kriegsgefangenenlazarett wurde als Zweiglager vom Stalag XI B Fallingbostel übernommen – das Hauptlager war kurz zuvor an die SS übergeben worden.

    Ab 1944 wurden im Zweiglager Bergen-Belsen auch italienische Militärinternierte und für kurze Zeit polnische Kriegsgefangene aus dem Warschauer Aufstand sowie französische Kriegsgefangene untergebracht. Am 15. Januar 1945 wurde das „Zweiglager Bergen-Belsen“ aufgelöst und die Baulichkeiten von der SS übernommen.

    Insgesamt starben im Kriegsgefangenenlager Bergen-Belsen etwa 19.600 sowjetische Kriegsgefangene sowie 142 italienische Militärinternierte und neun polnische Kriegsgefangene.
     

  • Das Kriegsgefangenen-Mannschafts-Stammlager XI D (321) Fallingbostel-Oerbke war eines von insgesamt zwölf Lagern, die im Sommer 1941 im Deutschen Reich eigens für sowjetische Kriegsgefangene eingerichtet wurden. In Oerbke starben zwischen August 1941 und April 1942 etwa 12 000 sowjetische Kriegsgefangene.

    Im April 1942 wurde das Stalag XI D (321) aufgelöst und das Lager mit den Gefangenen als Zweiglager von dem benachbarten Stalag XI B Fallingbostel übernommen. Es diente weiterhin der Unterbringung sowjetischer Kriegsgefangener.

    Ab Herbst 1943 kamen auch kriegsgefangene italienische Soldaten nach Oerbke. Sie wurden aufgenommen, registriert und zumeist umgehend in die Arbeitskommandos im Wehrkreis XI weiter geleitet. Im Lager selbst richtete die Wehrmacht ein Lazarett für die Italienischen Militärinternierten ein: 379 Gefangene starben dort. Im Sommer 1944 wurde das Lazarett von Oerbke nach Bergen Belsen verlegt; anschließend wurden hier britische Kriegsgefangene untergebracht (Stalag 357).   
     

Mehr erfahren

nach oben